#19: Persönlichkeitsstörungen abschaffen? 

 

Der Begriff Persönlichkeitsstörung ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil psychiatrischer Diagnosesysteme. Gleichzeitig gehört er zu den am stärksten stigmatisierenden Diagnosen überhaupt. Betroffene erleben häufig, dass ihnen vermittelt wird, sie seien „schwierig“, „manipulativ“ oder gar „falsch“. Doch moderne Traumaforschung stellt diese Sichtweise zunehmend infrage. Immer deutlicher wird: Viele sogenannte Persönlichkeitsstörungen lassen sich schlüssig als Folgen früher, langandauernder traumatischer Erfahrungen erklären – insbesondere im Rahmen der komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS)

Was sind Persönlichkeitsstörungen eigentlich? 

Klassisch werden Persönlichkeitsstörungen als tief verwurzelte, überdauernde Muster des Erlebens und Verhaltens beschrieben, die deutlich von kulturellen Erwartungen abweichen und zu Leid oder Beeinträchtigungen führen. Die Diagnose stützt sich meist auf Kriterien wie: 

  • Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen
  • Auffällige Affekt- und Emotionsregulation
  • Verzerrtes Selbstbild oder instabile Identität
  • Starre Bewältigungs- und Verhaltensmuster

Diese Kriterien sind jedoch beschreibend, nicht erklärend. Sie sagen was jemand zeigt – aber nicht warum

Die problematische Botschaft hinter der Diagnose 

Der Begriff „Persönlichkeitsstörung“ impliziert, dass etwas an der Persönlichkeit selbst defekt sei. Für Betroffene kann das bedeuten: 

  • Schuld- und Schamgefühle
  • Das Gefühl, grundlegend falsch oder nicht veränderbar zu sein
  • Schlechtere therapeutische Prognosen durch Vorannahmen

Dabei übersieht diese Sichtweise einen zentralen Punkt: Niemand entscheidet sich für seine frühen Lebensbedingungen. 

Komplexe PTBS: Wenn Symptome eine Geschichte haben 

Die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS), die mit der ICD-11 offiziell anerkannt wurde, beschreibt die Folgen von langandauernden, meist zwischenmenschlichen Traumatisierungen, häufig beginnend in der Kindheit. Dazu zählen emotionale Vernachlässigung, chronische Gewalt, Missbrauch oder instabile Bindungen. 

Neben den klassischen PTBS-Symptomen (Intrusionen, Vermeidung, anhaltende Bedrohungswahrnehmung) umfasst die kPTBS drei zentrale Bereiche: 

  • Affektregulationsstörungen (z. B. intensive Emotionen, emotionale Taubheit)
  • Negatives Selbstkonzept (Scham, Schuld, Minderwertigkeit)
  • Beziehungsstörungen (Misstrauen, Angst vor Nähe, Abhängigkeit)

Genau diese Bereiche überschneiden sich stark mit den Kriterien vieler Persönlichkeitsstörungen. 

Persönlichkeitsanteile als Überlebensstrategien 

Was häufig als „dysfunktionale Persönlichkeitseigenschaft“ beschrieben wird, kann auch anders verstanden werden: als früher sinnvoller Anpassungsversuch an unsichere oder gefährliche Umgebungen. 

Bestimmte Persönlichkeitsanteile, Verhaltensweisen oder emotionale Muster entwickeln sich, um zu überleben – nicht um zu schaden. Sie entstehen nicht aus Charakterfehlern, sondern aus Notwendigkeit. 

Genetische Prädisposition – ohne Schuld 

Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Persönlichkeitsmerkmale im Sinne der Big Five – etwa: 

  • Neurotizismus (emotionale Empfindlichkeit)
  • Extraversion
  • Offenheit für Erfahrungen
  • Verträglichkeit
  • Gewissenhaftigkeit

beeinflussen, wie Menschen auf Belastungen reagieren. Doch auch hier gilt: Genetische Prädisposition ist keine Schuld. Sie beschreibt eine Vulnerabilität, keinen Makel. 

ICD-11: Ein Schritt in die richtige Richtung 

Die ICD-11 wird das Konzept der Persönlichkeitsstörungen grundlegend verändern. Statt vieler starrer Kategorien steht nun im Vordergrund: 

  • der Schweregrad der Beeinträchtigung
  • dimensionale Persönlichkeitsmerkmale (z. B. negative Affektivität, Distanziertheit)
  • weniger Etiketten, mehr individuelle Beschreibung

Diese Entwicklung zeigt klar: Die internationale Klassifikation bewegt sich weg von fixen „Typen“ hin zu einem kontinuierlichen, entwicklungsbezogenen Verständnis

Warum kPTBS den Fokus endlich richtig setzt 

Mit der kPTBS würden wir einen weiteren Schritt nach vorne schaffen. Mit dem Konzept der komplexen PTBS könnte der Blick von der reinen Symptomatik auf die Ursachen gelenkt werden. Nicht mehr die Frage „Was stimmt mit dir nicht?“ steht im Zentrum, sondern: 

„Was ist dir passiert – und wie hast du gelernt, damit zu überleben?“

Das hat weitreichende Konsequenzen: 

  • Entstigmatisierung der Betroffenen
  • Mehr Mitgefühl statt Bewertung
  • Traumazentrierte, wirksamere Therapieansätze
  • Hoffnung auf Veränderung statt Fixierung auf Defizite