#20: Leeregefühl ist nicht gleich depressive Stimmung 

   

In der klinischen Praxis berichten viele Patientinnen und Patienten über ein tiefes Leeregefühl. Dieses wird häufig vorschnell mit einer depressiven Verstimmung gleichgesetzt. Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche Phänomene, die unterschiedliche Ursachen haben und unterschiedliche therapeutische Zugänge erfordern. 

Eine depressive Stimmung ist meist geprägt von Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühlen und einem verminderten Antrieb. Das Leeregefühl hingegen wird oft als emotionale Taubheit beschrieben: ein inneres Nichts, fehlende Verbundenheit zu sich selbst und zur Umwelt, das Gefühl, innerlich „abgeschaltet“ zu sein. 

Leeregefühl und Trauma 

Ein chronisches Leeregefühl ist besonders häufig bei Menschen mit einer traumatischen Biografie zu finden, etwa bei Patientinnen und Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung oder einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS). 

Dieses Leeregefühl entsteht nicht zufällig, sondern erfüllt ursprünglich eine Schutzfunktion. Es handelt sich um einen Abwehrmechanismus, der hilft, überwältigende Gefühle zu verdrängen – insbesondere solche, die mit frühen Traumatisierungen verbunden sind. Wenn traumatische Erinnerungen oder Situationen getriggert werden, kann die emotionale Abspaltung (Dissoziation) erneut auftreten, um das innere System vor Überforderung zu schützen. 

„Ich darf nicht sein, ich darf nicht fühlen“ 

Viele Betroffene berichten rückblickend, dass sie als Kinder das Gefühl hatten, nicht sein zu dürfen, keine Bedürfnisse haben zu dürfen oder keine Gefühle zeigen zu dürfen. In einem solchen Umfeld lernen Kinder früh, ihre Emotionen zu unterdrücken oder gar nicht erst wahrzunehmen – oft, um Bindung nicht zu gefährden oder um emotional zu überleben. 

Der Weg zur Depression

Wer lernt, negative Gefühle konsequent zu verdrängen oder zu vermeiden, verlernt langfristig auch den Zugang zu positiven Gefühlen. Emotionen lassen sich nicht selektiv ausschalten. Wenn Trauer, Wut oder Angst nicht mehr gespürt werden dürfen, verschwinden irgendwann auch Freude, Neugier und Lebendigkeit. Zurück bleibt eine innere Leere. 


Dieses Leeregefühl kann langfristig in eine Depression münden. Denn wenn ein Mensch nicht mehr fühlt, verliert er auch den Zugang zu dem, was er will und braucht. Entscheidungen werden schwierig, Beziehungen verlieren an Bedeutung, Lebensziele verschwimmen. Daraus entstehen Verluste – von Sinn, Orientierung, Beziehungen – die wiederum depressive Symptome nach sich ziehen können. 

In diesem Fall ist die Depression sekundär: Sie ist eine Folge des chronischen emotionalen Abgeschnittenseins, nicht dessen Ursache. 

Diagnostik: Trauma ernst nehmen 

Wenn Patientinnen oder Patienten über ein Leeregefühl berichten, sollte dies immer ein Signal sein, nach traumatischen Erfahrungen zu fragen. Diese müssen behutsam exploriert und im therapeutischen Rahmen bearbeitet werden. Eine rein symptomorientierte Behandlung greift hier oft zu kurz. 

Therapie statt Pharmakotherapie 

Menschen mit ausgeprägtem Leeregefühl profitieren in der Regel deutlich mehr von Psychotherapie, insbesondere von traumafokussierten Verfahren, als von einer alleinigen antidepressiven Medikation. Antidepressiva können depressive Symptome lindern, sie stellen jedoch keinen Zugang zu abgespaltenen Emotionen her und lösen keine traumabezogenen Abwehrmechanismen auf. 

In der klinischen Realität zeigt sich immer wieder, dass Patientinnen und Patienten mit Leeregefühl bereits mit mehreren Psychopharmaka behandelt wurden, ohne subjektiven Nutzen zu verspüren. Sie berichten häufig, dass „kein Medikament geholfen hat“. Dies ist kein Therapieversagen der Medikamente im engeren Sinne, sondern ein Hinweis darauf, dass das zugrunde liegende Problem anders gelagert ist.