ADHS oder doch was anderes?
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine der am häufigsten diagnostizierten psychischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen. Sie kann jedoch oft mit anderen psychiatrischen Erkrankungen verwechselt werden. Daher ist die Differentialdiagnostik von entscheidender Bedeutung, um die richtige Diagnose zu stellen und die geeignete Behandlung einzuleiten.
ADHS – Merkmale und Symptome
Typische Symptome von ADHS sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und impulsives Verhalten. Menschen mit ADHS können Schwierigkeiten haben, sich auf Aufgaben zu konzentrieren, ihre Impulse zu kontrollieren und sich in sozialen Situationen angemessen zu verhalten. Oft werden diese Symptome als Merkmale einer "schlechten" Disziplin oder Erziehung missverstanden.
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)
Autismus ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, Kommunikation und durch eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster auszeichnet. Reizüberflutung ist sowohl bei Autismus als auch bei ADHS zu finden. Während bei ADHS oft die Hyperaktivität im Vordergrund steht (und problematisch ist), leiden Autisten eher unter sozialen Schwierigkeiten und einer eingeschränkten Wahrnehmung. Die soziale Pragmatik ist bei Autisten oft erheblich beeinträchtigt, während dies bei Menschen mit ADHS seltener der Fall ist. Außerdem zeigen Menschen mit Autismus viel mehr repetitive (auffällige) Verhaltensweisen als Menschen mit ADHS.
Agitierte Depression
Agitierte Depression kann Symptome hervorrufen, die denen von ADHS ähneln, insbesondere wenn es um Unruhe, Anspannung und Konzentrationsstörungen geht. Doch im Gegensatz zu ADHS ist die Unruhe bei einer depressiven Störung oft von einer tiefen Traurigkeit, Antriebslosigkeit und Selbstwertproblemen begleitet. Bei einer gründlichen Befragung und einer Bewertung der emotionalen Stimmung kann die Depression als zugrunde liegende Störung identifiziert werden.
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung
Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung ist durch impulsives Verhalten, emotionale Instabilität und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen gekennzeichnet. Im Gegensatz zu ADHS neigen Betroffene oft dazu, extremere emotionale Schwankungen zu zeigen, die nicht nur situativ, sondern auch über längere Zeiträume hinweg auftreten. Die Unterschiede in der emotionalen Regulation sind entscheidend für die Unterscheidung. Außerdem werden Menschen mit einer Borderline-Problematik häufig als misstrauisch und teilweise feindselig wahrgenommen: das ist nicht der Fall bei ADHS-Patienten, sie sind eher offen und naif im Kontakt.
Bipolare Störung
Die bipolare Störung ist durch extreme Stimmungsschwankungen gekennzeichnet, die zwischen manischen und depressiven Episoden variieren. Während einige Symptome einer Hypomanie (z. B. erhöhte Aktivität, Impulsivität) bei ADHS beobachtet werden können, sind die Phasen in der bipolaren Störung klarer abgegrenzt und dauern in der Regel länger.
Dissoziationen bei posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS)
Bei PTBS können Betroffene auch Symptome wie Aufmerksamkeitsstörungen oder Hypervigilanz zeigen, die mit ADHS verwechselt werden können. Allerdings handelt es sich bei PTBS oft um Reaktionen auf ein traumatisches Erlebnis, und die Symptome sind typischerweise eng mit situativen Stressoren verbunden.
Quellen: modifiziert aus:
- Benkert, O., & Hippius, H. (Hrsg.). (2022). Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie (11. Aufl.). Springer.
- Weltgesundheitsorganisation (WHO). (2023). Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision (ICD-10). Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI).
- Berger, M., & Rüther, E. (Hrsg.). (2021). Psychiatrie und Psychotherapie (5. Aufl.). Springer.