Reizüberflutung bei Autismus und ADHS im Erwachsenenalter: Unterschiede

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) können im Erwachsenenalter nicht nur nebeneinander auftreten, sondern sich auch in ihren Symptomen überlagern. Diese Komorbidität führt häufig zu komplexen klinischen Bildern: Betroffene zeigen sowohl Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion (typisch für Autismus) als auch Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und exekutiven Funktionen (typisch für ADHS). Die Reizverarbeitung ist in beiden Störungen pathologisch, aber auf unterschiedliche Weise.


  • Bei Autismus werden einzelne Reize intensiver und detaillierter wahrgenommen. Das Gehirn filtert weniger, wodurch auch eigentlich irrelevante Sinneseindrücke in voller Stärke durchdringen. Das Problem ist also nicht die Ablenkbarkeit durch viele Reize gleichzeitig, sondern die fehlende Möglichkeit, unwichtige Reize herunterzuregulieren.


  • Bei ADHS hingegen werden viele Reize gleichzeitig aufgenommen, ohne dass das Gehirn effektiv priorisieren kann. Betroffene springen gedanklich von einem Stimulus zum nächsten und haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit stabil auf einen einzigen Reiz zu fokussieren.


Zusammengefasst:

  • Autismus = Hyperfokus auf alles gleichzeitig in hoher Auflösung, Unfähigkeit zu „defokussieren“.
  • ADHS = Wechsel zwischen vielen Reizen gleichzeitig, Unfähigkeit zu „fokussieren“.


Neurobiologische Grundlage: Dopamin

Die Unterschiede lassen sich gut mit der Dopaminregulation erklären:

  • ADHS ist gekennzeichnet durch eine Unteraktivität dopaminerger Systeme, insbesondere im präfrontalen Cortex und im Striatum. Dopamin ist entscheidend für Motivation, Belohnungsverarbeitung und die Fähigkeit, Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Zu wenig Dopamin bedeutet: Reize können nicht ausreichend gewichtet werden, das Gehirn „springt“ zwischen Stimuli.
  • Autismus hingegen zeigt weniger eine Dopamin-Unterversorgung, sondern eher eine dysregulierte Reizfilterung auf glutamaterger und GABAerger Ebene, mit teils erhöhter dopaminerger Aktivität in subkortikalen Netzwerken. Dadurch werden Reize nicht „ausgeblendet“, sondern in ihrer maximalen Intensität wahrgenommen.


Bedeutung für die Therapie

Aus diesen Unterschieden ergeben sich spezifische therapeutische Ansätze:

  • ADHS-Patient:innen profitieren von Dopaminagonisten bzw. Dopamin-Wiederaufnahmehemmern wie Atomoxetin, Methylphenidat oder Amphetaminen. Diese Medikamente erhöhen die Verfügbarkeit von Dopamin im synaptischen Spalt und verbessern damit die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu bündeln und relevante Reize hervorzuheben.


  • Autistische Erwachsene profitieren in bestimmten Fällen (z. B. bei ausgeprägter Reizüberflutung, Aggression oder komorbiden Psychosen) von Antipsychotika. Diese wirken dämpfend auf dopaminerge Überaktivität im mesolimbischen System und können die Reizintensität abmildern. Allerdings sollten sie vorsichtig eingesetzt werden, da sie nicht die Kernsymptome von Autismus, sondern sekundäre Belastungen adressieren.


 Wichtig ist zudem, dass Psychotherapie und psychoedukative Maßnahmen diese Unterschiede klar berücksichtigen, um Überlastung zu vermeiden und Ressourcen gezielt zu fördern